Wer wie wir mit dem Fahrrad eine lange Strecke über Land fährt, lernt Demut. Nicht nur gegenüber Bergen, Schlaglöchern und meteorologischen Launen, sondern auch gegenüber dem Prinzip der Sehenswürdigkeit. Denn als Radreisender ist man, mehr oder weniger, der Strecke ausgeliefert. Sehenswürdigkeiten und Ereignisse müssen sich also entweder direkt am Wegesrand befinden oder dort zufällig und zur rechten Zeit auftauchen.
Laternen als Liturgie

In deutschen Städten hängen an Laternen Wahlplakate, in südserbischen Dörfern Todesanzeigen. Schwarz oder blau gerahmte Blätter mit Foto, Name und Lebensdaten, manchmal scheinbar ergänzt durch ein paar Zeilen des Abschieds, mitunter geschmückt mit Blumen. Wer stirbt, wird nicht nur beerdigt – er wird öffentlich verabschiedet. Ein schwarzer Wimpel am Haus signalisiert: Hier wird getrauert. Es ist eine stille, ungewohnte, aber würdevolle Form der Erinnerung, die das Wohnhaus zur Gedenkstätte macht. Ebenso wie die vielen alten und verfallenen Häuser in den Dörfern, sind diese Bekanntmachungen sichtbares Zeichen eigener Vergänglichkeit.
Kaffee, Krieg und ein Glas Ajvar
In einem kleinen Ort namens Popovac wurden wir von einer Roma-Frau zum Kaffee eingeladen. Die erste zufällige Einladung seit der Abreise daheim. Sasina, 43 Jahre alt, verbrachte ihre Kindheit bei der Großmutter in Österreich. Ihre Eltern kamen ab und zu zu Besuch. Dann brach der Kosovokrieg aus.
Die Eltern holten Sasina bei der Großmutter ab und zogen nach Oberhausen – und später, nach dem Krieg, zurück nach Serbien, wo sie heute mit ihrer Familie lebt.
Offiziell gibt es in Serbien etwa 130.000 Roma (knapp 2% der Bevölkerung Serbiens), die als Minderheit mit eigener Sprache, so Sasina, ein mehr als nur geduldeter Teil der serbischen Bevölkerung sind. Zentren der Roma-Kultur sind Belgrad und Niš hier im Süden.

Sie sammelt uns, gemeinsam mit ihrer resoluten Schwiegermutter, vor einer Bäckerei ein. Dort konnte man uns keinen Kaffee verkaufen, weil die Maschine kaputt war – ein Umstand, der uns direkt in die Küche der Familie führte. Dort wurde nicht nur Kaffee serviert, sondern auch Geschichte.
Die Schwiegermutter erzählte vom Krieg, als wäre er gestern gewesen. Die NATO-Bombardierungen 1999, die Fluchtbewegungen, Zuflucht in Bunkern, die Angst – alles noch präsent. Und sie sprach auch von der Angst vor einem neuen Krieg, „von dem sie im Fernsehen erzählen“. Ihre Stimme schwankte zwischen Sorge und Zuversicht.
Sasina, die aus ihrer Zeit in Österreich und Oberhausen noch gut Deutsch spricht, wird von uns mit Fragen gelöchert. Endlich jemand, bei dem wir unseren aufgestauten Wissensdurst abladen können: Über Roma in Serbien, über das Leben jenseits der Heimat und die durch den Krieg verstreuten vier weiteren Geschwister.
Ajvar als Gastgeschenk
Zum Abschied bekommen wir ein Glas Ajvar geschenkt – jene serbische Paprikapaste, die mehr über die Region erzählt als jeder Reiseführer. Ajvar ist hier nicht nur Beilage, sondern kulturelle Identität – und als Gastgeschenk angeblich Ausdruck der Ehre gegenüber dem Gast.

Ajvar wird traditionell im Freien zubereitet – oft über offenem Feuer. Rösten, Schälen, Pürieren und dann das stundenlange Rühren sind eine kollektive Arbeit. 3 Tage dauere die Arbeit, um das Ajvar der Familie für ein ganzes Jahr herzustellen.
Wir fragten vorsichtig an, ob wir das uns zugedachte Glas, groß und schwer, wegen begrenzter Packkapazitäten gegebenenfalls durch ein kleines ersetzen könnten. Beide Frauen lachten herzlich. „Wir haben keine kleinen Gläser“.
Paprika, Paprika, Paprika
Der Süden Serbiens ist im Oktober ein Fest der Farbe. Paprika hängt in Girlanden vor den Häusern, türmt sich auf Verkaufsständen, wird in Bottichen gerührt und in Gläsern konserviert. Die Ernte ist in vollem Gange. Kaum ein Trecker oder Pferdekarren, der nicht voll mit roten, gelben, weißen und grünen Exemplaren wäre. Kaum ein Dorf welches wir durchfahren, in dem uns nicht der Duft der gerösteten Paprika in die Nase steigt.














Serbien produziert jährlich über 100.000 Tonnen Paprika (mehr als Ungarn, aber weniger als die Niederlande 😉) – auf kleinen Feldern, mit kleinen Maschinen und sichtbar viel Handarbeit.
Wir ziehen weiter
Südserbien ist landschaftlich nicht spektakulär. Oft fahren wir lange Strecken an Hauptstraßen entlang, immer geradeaus, rechts und links die Felder.



Aber verglichen mit den vorherigen Begegnungen am Straßenrand, sind die Menschen hier kommunikativer, offener, uns gegenüber freundlicher und interessierter.
Das ist eine schöne Veränderung.
Und die nächste Veränderung wartet schon auf uns: Es geht in die Berge in Richtung Nord-Mazedonien.

Nachtrag nach Redaktionsschluss
Begegnung in einer Ziegelei
Während der obenstehende Artikel zur finalen Durchsicht bei meiner Lektorin liegt, ergab sich heute eine kleine Begebenheit, die thematisch gut dazu passt.
Heute Vormittag entdeckten wir entlang des Weges eine Ziegelei, die für uns nicht sofort als solche zu erkennen war. Aber die Flächen davor waren über und über voll mit Lehmziegeln und eben gebrannten Ziegeln. Wir hielte an – und sofort winkte uns einer der Arbeiter vom Dach der Ziegelei zu sich.



Wir stellten die Räder ab, gingen hinauf und konnten in die Gluthitze der Brennkammern schauen.


Zu unserer Freude kam sehr bald ein junger Arbeiter, der gut Englisch sprach, und uns eine Führung durch die Produktion anbot. So konnten wir sehen, wo der Lehm, der direkt nebenan abgebaut wird, angeliefert wird und wo die Ziegel gepresst werden.

Auch konnten wir eine der Brennkammern betreten, aus der die noch heißen Ziegel gerade ausgeräumt wurden. Geduldig wurde uns jeder Arbeitsschritt mit Stolz erläutert. Seit 30 Jahren werden an diesem Standort schon Ziegel produziert.

Es war für uns als Eigentümer eines alten Ziegelhauses schön zu sehen, dass noch Ziegel mit Charakter produziert werden – und nicht nur industrielle Einheitsware. Mit Freude konnten wir den Arbeitern ein Foto von unserem Haus zeigen.
Wie bei uns auch, hatten die Ziegel Einschlüsse und Strukturen, jeder Ziegel ein Unikat. Und ja, es gab da oben bei uns in fast jedem Dorf eine Ziegelei, aber eine Ziegelei in Betrieb hatten wir noch nie gesehen.
Zum Abschied erhielt Friederike zusätzliche 1,5 kg Gepäck in Form einer Flasche Bitter Lemon – ihre bevorzugte Sorte – als kleines Geschenk für den weiteren Weg. Zusammen mit dem Ajvar ein „echtes Handicap“ in den Bergen.

Den aktuellen Track gibt es (laufend) oben über das Menü, oder here.

