Mit dem Rad unterwegs nach Istanbul – vorbei ist die Zeit, in der man uns ungläubig anschaute, wenn wir davon erzählten. Die Reaktionen reichten einst von „Ihr spinnt doch!“ bis „Wie viele Monate habt ihr dafür eingeplant?“
Doch seit wir die griechische Küste erreicht haben, sind wir Teil eines dort vertrauten Panoramas: Radler, die auf der ganz langen Tour sind, gehören hier offenbar zum Straßenbild wie die Olivenhaine und streunende Katzen. Wir sind nicht mehr Exoten – wir sind Durchreisende unter Durchreisenden.
Istanbul ist nun auch nicht mehr fern. Noch etwa 350 Kilometer trennen uns vom Ziel, das einst so fern schien. Die Puffertage, die wir großzügig einkalkuliert hatten – für Reifenwechsel, Grenzdramen oder spontane Krisen – blieben bisher ungenutzt. Also „gönnen“ wir uns einen Abstecher auf die Insel Samothraki.
Samothraki liegt in der nordöstlichen Ägäis, rund 43 Kilometer südlich von Alexandroupoli, und gehört zur Region Ostmakedonien. Mit ihren 180 Quadratkilometern ist sie eher kompakt. Allerdings erhebt sich das Fengari-Massiv majestätisch über die Insel, und sein höchster Gipfel, der Marmara, ragt 1.611 Meter aus dem Meer.
Während wir uns hier ein paar Tage treiben lassen wollen – zwischen Thermalquellen, Ziegenpfaden und antiken Göttern – begleitet uns eine Debatte aus der Heimat. Der Mann, der unser aller Bundeskanzler sein soll, hat sich zum „Stadtbild“ geäußert. Glücklicherweise werden die sozialen Medien mit Protest geflutet.
Ich selbst werde im Stadtbild wohl nicht als Migrant gelesen. Doch meine Großeltern väterlicherseits waren Flüchtlinge. Sie fanden nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland – sicherlich auch gegen Widerstände – eine neue Heimat, Glück und Frieden. Vielleicht triggert mich deshalb die Aussage des Herrn Merz so sehr.
In den letzten Tagen trafen wir mehrfach Griechen, die uns von ihrer Zeit in Deutschland erzählten. Ein alter Herr strahlte, als er berichtete, dass er von 1955 bis 1965 in Deutschland gearbeitet habe – erst unter Tage, dann im Stahlwerk. Es sei eine gute Zeit gewesen. Von seiner deutschen Rente hat er sich hier in seiner Heimat ein Haus gebaut.

Diese Menschen – und die Generationen nach ihnen, die geholfen haben, Deutschland nach dem Krieg wieder auf die Beine zu stellen, die allen Grund hätten uns Deutschen gegenüber skeptisch zu sein – begegnen uns, den Ausländern, mit Freundlichkeit und Gastfreundschaft. Und genau diese Menschen werden nun pauschal verunglimpft. Ich finde das unerträglich und schäme mich fast, wenn ich hier sage: „We’re from Germany.“

Verzeiht – das hat vielleicht in einem Reiseblog nichts zu suchen. Aber ich brauchte einen Kanal für meinen Zorn. Für mein Unverständnis. Für meinen Wunsch und meine Hoffnung, auf Reisen ein kleiner Botschafter unseres Landes zu sein und ein Bild zu hinterlassen, dass ein anderes ist, als welches unsere Politik aktuell transportiert.
Nun also Samothraki. Mal sehen, ob es in ein paar Tagen Berichtenswertes gibt.

Kleine Begebenheit am Rande
Heute fuhren wir wohl die schönste Etappe dieser Reise: Eine Straße, offiziell gesperrt wegen Bauarbeiten, inoffiziell geöffnet für uns. Kein Verkehr, nur das Meer zur Rechten, das Licht, die Bewegung, und wir mittendrin.
Irgendwann kamen uns zwei Radler entgegen. Wir hielten an. Das übliche Ritual begann:
Wir: Where do you come from?
Sie: From Italy.
Ein kurzer Blick auf die Karte im Kopf – falsche Richtung.
Wir: Where did you start?
Sie: New Zealand.
Man liest ja gelegentlich von Menschen, die mit dem Fahrrad die Welt umrunden. Aber in Griechenland auf jemanden zu treffen, der in Neuseeland losgefahren und nun auf dem Weg nach Italien ist, um mit der Familie Weihnachten zu feiern…
Diese Begegnung hat uns den ganzen Tag begleitet und immer wieder ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.
Gerne würde ich einfach über Istanbul hinaus bis Neuseeland weiter fahren. Mindestens.
Hier noch ein paar Impressionen der vergangenen Tage.















