Der unterschätzte Zeitgenosse

Er steht da, oft seit Jahrzehnten, unbewegt und meist unbeachtet. Ein stiller Zeuge des Alltags, oft nur wahrgenommen, wenn er stört: Wenn er einem bei der Parkplatzsuche im Weg steht, wenn sein Laub die Gehwege bedeckt und Anwohner mit missmutigem Blick zum Besen greifen, wenn er abrupt Autofahrten beendet – nicht aus Bosheit, sondern weil wieder jemand zu schnell, zu sorglos, zu selbstsicher unterwegs war.

Doch wer innehält, entdeckt seine andere Seite. Er spendet Schatten, mildert den Seitenwind, und jetzt – in dieser üppigen Jahreszeit – trägt er Früchte wie ein großzügiger Gastgeber. Die Rede ist vom Straßenbaum.

Für uns zwei Radelnde ist er längst mehr als nur Kulisse. Er hat unsere Frühstücke verfeinert, uns mit süßem Obst versorgt und unsere Reisegeschwindigkeit auf charmante Weise sabotiert. Während in Schleswig-Holstein die fruchttragenden Bäume rar und ihre Äpfel eher säuerlich waren, scheint Niedersachsen ein wahres Paradies für Straßenbäume zu sein: Äpfel, Birnen, Pflaumen – in allen erdenklichen Sorten und Reifegraden.

Friederike kommt kaum noch in Fahrt. Ständig muss sie anhalten: „Oh, eine andere Sorte…“ ruft sie, als müsse aber auch jeder Baum kulinarisch erkundet werden. Und wenn sie dann doch weiterfährt, tragen die Taschen das süße Gewicht der Ernte – und die nächste Steigung wird zur kleinen Prüfung.

So gleiten wir dahin – gemächlich, fast träumerisch –, meist auf Nebenstraßen, über Schotterpisten, Kopfsteinpflaster, Waldwege oder schmale Betonspuren. Die Reisegeschwindigkeit hat sich im Vergleich zum Frühjahr verändert. Die Eindrücke kommen leiser, langsamer, weniger häufig und intensiv.

„Schau mal, hier heißen die Futtermöhren nicht mehr Futterwurzeln“.

Kein Zeitdruck, keine Eile – nur der Wind, der Duft von reifem Obst, die Neugier auf den nächsten Ort und die morgendliche Hoffnung auf einen guten Bäcker mit einem leckeren Schoko-Croissant.

Inzwischen sind wir in Bitterfeld und haben in den ersten Tagen alles ausprobiert, was sich zum Schlafen anbietet: Vom Hotelzimmer mit flauschigen Handtüchern, dem kostenlosen Angebot bei Warmshowers, über eine Hundepension (ehrlich!) bis zum einfachen Campingplatz mit Morgentau auf der Zeltplane. Und ganz gleich, wo wir landen – wir freuen uns einfach, unterwegs zu sein.

Und wenn wir einmal nicht unterwegs waren, dann konnten wir alte / neue Freunde in Lüneburg aufsuchen und einen Familienbesuch samt Ruhetag in Braunschweig einlegen. Dort wurden wir dann nicht nur herzlich empfangen, sondern auch noch gut ernährt. „Mit vollem Tank“ ging es dann weiter…

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