Drei Nächte auf Gut Rudna

Eingebettet zwischen Karpaten, Donau und Theiß liegt das Banat – eine Region in der Pannonischen Tiefebene. Historisch verteilt auf Rumänien, Ungarn und Serbien, wirkt sie im regnerischen Herbst wie eine Region mit Hang zur Melancholie. Einst trafen sich hier kaiserliche Beamte, serbische Siedler und deutsche Bauern.

Rudna, ein kleines Dorf etwa 40 Kilometer südlich von Timișoara, liegt am rechten Ufer des Flusses Temesch und scheint sich seit dem letzten Türkenkrieg (1791) nicht wesentlich verändert zu haben. 

Die deutschen Bauern kamen damals im Rahmen der habsburgischen Kolonisationspolitik – vermutlich mit mehr Idealismus als Gepäck – und fanden eine sehr fruchtbare, aber auch sumpfige Landschaft vor.

Um einen Regentag auf dem Fahrrad zu vermeiden, suchten wir das günstigste Übernachtungsangebot, das das Internet hergab und nah an unserer Route lag. Wir landeten auf Gut Rudna – und das klang zunächst nach Landadel und Kaminfeuer.

Das Gut, insbesondere das Ensemble rund um das Castel Nikolici, bestand einst aus Mausoleum, Mühle, Wirtschaftsgebäuden und einem Park. Das Castel selbst wurde um 1780 erbaut, später von Grenzsoldaten und der LPG in Besitz genommen – was dem Gebäude nicht unbedingt zur architektonischen Blüte verhalf. Nach 1989 diente es als Baumaterialspender. Die Wunden sind im Haus überall sichtbar.

Alice, die Tochter der heutigen Eigentümerin, erzählte uns, dass ihre Mutter Anfang der 2000er nach 30 Jahren in Deutschland zurückkam, um sich ein kleines Häuschen in der alten Heimat zu kaufen. Das hat scheinbar nicht ganz geklappt. Statt Häuschen wurde es ein Gut in Ruinen. 2002 erstand sie das Ensemble und begann eine Restaurierung.

Bei unserem Rundgang wurde uns klar, wie viel Idealismus nötig waren, um auch nur einen halben Teil des Hauses wieder bewohnbar zu machen. Die meisten würden es wohl immer noch als Ruine bezeichnen – uns entlockte es mehrmals das Wort „unglaublich“. Es ist diese besondere Mischung aus Morbidität, dem Charme alter Gemäuer, herzensguter Bewohner und dem fühlbaren Glück, welches Menschen an diesem besonderen Ort gefunden haben.

Noch am Abend lernten wir die Eigentümerin kennen: Maria (70+), immer fröhlich und zugewandt, vermittelte uns sofort das Gefühl, willkommener Gast zu sein. Sie ist sichtbar die gute Seele des Hauses und zauberte mit großer Leichtigkeit zum Frühstück und zum Abendessen die leckersten Dinge in ihrer Küche. Sollten wir ein Kaloriendefizit gehabt haben, dieses ist definitiv geheilt.

Rund ums Haus wimmelt es von Schafen, Ziegen, Hühnern, Gänsen, Enten, Schweinen, Hunden – auch ein Esel und ein Pferd mischen mit. Hätten wir statt GoreTex-Jacken historische Gewänder getragen, man hätte uns für Statisten in einem Banater Historiendrama halten können.

Da das Haupthaus ausgebucht war (am Samstag fand im Ballsaal ein Konzert statt, dazu später mehr), bezogen wir das Baumhaus. Der Regen prasselte die ganze Nacht aufs Dach und wir lagen warm und wohlig in unseren Schlafsäcken, während draußen die Gänse schnatterten und der Esel hörbar über den Sinn des Lebens nachdachte.

Der Freitag – Anreise war bereits am Donnerstag, zeigte sich wettertechnisch von seiner konsequenten Seite: Regen, Regen, und zur Abwechslung ein bisschen Regen. Nach einem Frühstück im Haupthaus zogen wir uns in unser Baumhaus, ein Nest zwischen Himmel und Schlamm zurück. Dort verbrachten wir den Rest des Tages in einem Zustand zwischen Dornröschenschlaf und digitaler Tiefenentspannung.

Zum Abendessen lernten wir dann die Musiker kennen, die gerade aus Berlin eingeflogen waren. Und zum Ende des gemeinsamen Essens war uns klar: Wir verlängern um einen Tag für ein Konzert mitten im rumänischen Nirgendwo.

Als alte WWOOF-Hasen – also jene Spezies, die freiwillig Unkraut jätet und dafür mit heimischen Geschichten und dem Blick unter die Oberfläche belohnt werden – boten wir unsere Hilfe für die Konzertvorbereitungen am Samstag an. Die Gastgeber nahmen dankend an. Unsere Aufgabe: Ein kleines Gartenhaus für das Barbecue, welches im Vorfeld des Konzerts im Hof stattfinden sollte, auf Vordermann bringen. Wir räumten, schrubbten, putzen Fenster – als „Belohnung“ wurde ich unfreiwillig zum Grillmeister ernannt.

Einige der rund 50 Gäste, teilweise stilecht im Look der 20er, hatten in kürzester Zeit so viel Pálinka intus, dass meine kulinarischen Defizite am Grill in einem Nebel aus Schnaps und Wohlwollen verschwanden.

Dann: Konzert im Ballsaal. Alice Francis – die Tochter – und ihre Band entführten uns zwei Stunden lang in die goldenen Zwanziger, elektrisch aufgeladen und swingend. Es wurde ein wunderbarer Abend, gut inszeniert – charmant, manchmal sympathisch improvisiert, aber überaus stimmig.

Und als krönender Abschluss: Das Schaf. Morgens noch fröhlich auf der Wiese, abends dampfend in der Röhre. Ein Mahl für die Band und die Helfer:innen, begleitet von einem Pálinka-Hausbrand.

Ein großes Dankeschön an Maria, Alice, die Familie und die Musiker für 3 wundervolle Tage.

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