Kein Orient-Express

Nach zehn Tagen in Istanbul – einem wohldosierten Wechselspiel aus Bosporus-Betrachtungen, kulinarischen Selbstversuchen zwischen Baklava und Köfte sowie dem heldenhaften Vorsatz, die Stadt nur in kleinen Portionen zu erobern – hieß es Abschied nehmen.

Unser Ausgangspunkt: der ehrwürdige Bahnhof Sirkeci.

Einst rollte hier der Orientexpress ein. Selbst Atatürk ist von hier nach Karlsbad aufgebrochen, um sich bei reichlich Heilwasser und böhmischen Kuranwendungen die Inspiration für eine modernisierte Türkei zu holen – heute würde man dies wohl Wellness-Retreat mit geopolitischem Mehrwert nennen.

Seit diesem Jahr wird der alte Bahnhof als Kulturdenkmal renoviert, während die Fernzüge längst aus dem Stadtzentrum verbannt sind. Wer heute Istanbul verlässt, tut dies 30 Kilometer weiter draußen, in Halkalı – ein Name, der klingt wie eine türkische Nachspeise und dies für uns ja in irgendeiner Form auch ist. Leider halt nur aus Beton.

Vom Chic vergangener Zeiten, als Bahnfahren noch ein Privileg der wohlhabenden Klasse war, ist kaum mehr etwas übrig. 

Obwohl: Ist man ehrlich, bleibt Bahnfahren bis heute ein Privileg. Nicht das glänzende Privileg vergangener Zeiten, als man im Orientexpress umgeben von Kristallglas und Samtpolstern thronte, sondern ein moderneres, stilleres: jenes derer, die Zeit haben – und bereit sind, dafür auch etwas mehr zu bezahlen. Ein paradoxes Privileg, denn es bedeutet, langsamer und unbequemer unterwegs zu sein, während die Welt ringsum immer schneller wird.

So gesehen ist die Eisenbahn eine Art lebendes Museum: Man kauft sich nicht nur ein Ticket, sondern auch die Erfahrung, die Geschwindigkeit und die Technik der Gegenwart für ein paar Stunden zu ignorieren.

Unser Abschied selbst vollzieht sich also tief unter der Erde, in einer nüchternen Betonhöhle. Kein letzter Blick auf die Altstadt mit ihren Minaretten, kein glitzerndes Meer, das die Stadt an drei Seiten umarmt. Stattdessen: graue Wände, Neonlicht und die Erkenntnis, dass die Romantik des Reisens manchmal abrupt am Bahnsteig endet.

So rollten wir mit mehrmaligem Umsteigen Richtung Bukarest. Zwei Puffer-Nächte hatten wir dort eingeplant – nicht aus touristischer Neugier, sondern aus Respekt vor der deutschen Bahngewissheit: Anschlusszüge sind eher lose Versprechen, als verbindliche Zusagen.

Von Bukarest ging es weiter: eine Nacht bis Wien, eine weitere bis Hamburg. Dann war er wieder da, der Norden – vertraut, nebelig, kühl und mit vorweihnachtlicher Dekoration.

An all dies werden wir uns erst wieder gewöhnen müssen.

Den finalen Track der Reise findet ihr hier.

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