Es gibt Städte, die man besucht, und solche, die einen immer wieder rufen.
Istanbul gehört für mich eindeutig zur zweiten Kategorie.


Der Bosporus ist mehr als nur eine Wasserstraße – er ist ein Versprechen. Ein Versprechen von Weite, von Übergängen, von Geschichten, die sich zwischen zwei Kontinenten verweben.
Zwei Tage habe ich diesmal wieder dort verbracht, und sie waren erfüllt von einem besonderen Gefühl, das mir nur Istanbul schenken kann: Morgens das Licht, das über die Dächer von Üsküdar fällt, mittags die Fähren, die unermüdlich zwischen Europa und Asien pendeln, und abends die Silhouette der Minarette, die sich im goldenen Schimmer des Sonnenuntergangs spiegeln.
Wobei: Einen Sonnenuntergang gab es diesmal nur am ersten Abend. Danach beschloss der Himmel offenbar, dass Istanbul auch hervorragend in Grau funktioniert, und schickte Regen. Viel Regen.
Der Bosporus bleibt dennoch Sehnsucht in Bewegung: das ständige Kommen und Gehen, das Rauschen der Wellen, das Gefühl, gleichzeitig angekommen und doch unterwegs zu sein. Vielleicht ist es genau das, was mich immer wieder hierher zurückzieht – diese eigenwillige Mischung aus Ruhe und Dynamik, aus Geschichte und Gegenwart, aus Nähe und Ferne.
Man vergisst leicht, dass hier einst Byzanz lag, später Konstantinopel – Hauptstadt eines Weltreiches, das Jahrhunderte überdauerte. Kreuzzüge zogen vorbei, Kaiser kamen und gingen. Der Bosporus aber floss unbeeindruckt weiter.



Zwischen all dem war ich auch, nach Abschluss der Lektüre des Romans, nochmals im Museum der Unschuld. Ein merkwürdiger, stiller Ort. Vitrinen voller Alltagsgegenstände, Erinnerungen, Zigarettenstummel, Liebesreste – eine Sammlung der kleinen Dinge, die das Leben begleiten, wenn man genau hinschaut. Orhan Pamuk hat hier seiner Romanfigur Füsun ein Denkmal gesetzt, aber eigentlich hält das Museum uns selbst den Spiegel vor: Wie viel Bedeutung geben wir Dingen?. Und wie viel Vergangenheit steckt in scheinbar Belanglosem?
Vielleicht passte das Museum deshalb so gut zu diesen Tagen – auch bei mir ging es weniger um die Dinge (Sehenswürdigkeiten) als um Stimmungen.

Und dann war es soweit: Ich habe diese Wasserstraße erstmals überquert – und bin in Asien.

Für die erste Etappe hatte ich mit Ali einen Begleiter. Ali ist ein Freund unseres Sohnes Paul, den wir schon im November hier in der Stadt getroffen hatten. Und weil er – wie ich – diesen leisen Wunsch hegt, irgendwann einmal viel weiter gen Osten zu fahren, wollte er für ein Stück Teil dieser Reise sein. Geteilte Sehnsucht fährt sich bekanntlich leichter.



Die Stadt zu verlassen war ähnlich anstrengend, wie sie zu erreichen: viel Verkehr, Fahrradwege, die im Wesentlichen aus Farbe bestehen, nicht aber aus einer ernst gemeinten Verkehrsführung, dazu ein stetiger Wind und dauerhafter Regen. Marmarameer‑Romantik wollte sich keine einstellen.
Und doch bin ich froh, nun auf Tour zu sein. Der Bosporus liegt hinter mir. Asien vor mir.
Und irgendwo dazwischen: dieses leise, angenehme Gefühl, dass etwas begonnen hat.

