Wechselbäder

Die erste Woche auf dem Rad war für mich in mehrerlei Hinsicht ein Wechselbad.

Das Wetter

Klar hatte ich mich auf frühlingshafte Bedingungen gefreut. Gleichzeitig war mir bewusst, dass im Hochland der Türkei der Winter gerade erst ausgezogen ist – und vermutlich noch nicht alles mitgenommen hat. Entsprechend wechselhaft fiel das Programm aus: Sonne, Regen, warm, kalt. Manchmal alles an einem Tag.

Unterm Strich habe ich in den ersten Tagen alle (!) meine Kleidungsstücke testen können.
Fast alle. Die Badehose ist noch unbenutzt.

Die Topographie und der Straßenbelag

Die Topographie hat mich von Anfang an gefordert. Aus dem Stand – ich hatte immerhin stolze 30 Jahreskilometer vom Anradeln am Starnberger See in den Beinen – war das schon echt hart.

Im Mittel warten hier auf 100 Kilometer rund 1.000 Höhenmeter. Dazu kommt, dass die Verantwortlichen für den Straßenbau in der Türkei offenbar ein ausgeprägtes Faible für grob haben. Sehr grob.

So hatte ich, ungelogen, Abfahrten, bei denen ich trotz reichlich Gefälle treten musste – dank Gegenwind und Oberflächenbeschaffenheit. Physik kann sehr humorlos sein.

Die Gefühle

Auch emotional war es ein ständiges Auf und Ab. Zwischen „Warum mache ich diesen Sch… eigentlich?“ und „Bitte lass es nicht enden“ war alles dabei. Wobei die positiven Gefühle eindeutig die Oberhand hatten.

Besonders schwer fielen mir die letzten beiden Tage. Zu Hause laufen die Ostervorbereitungen – ein Fest, das ich mag und gerne zelebriere – und ich bewege mich in die falsche Richtung, bin nicht da. Bei allem Wissen um mein Privileg fällt mir das nicht leicht. Reisen heißt scheinbar auch, etwas bewusst zu verpassen. Eine neue Erfahrung.

Die Gegend

Nachdem ich mich aus dem Moloch Istanbul herausgekämpft hatte – ja, fast herausgeschwommen –, ging es in die Berge. Kurs: Kappadokien.

Zwischen Istanbul und Kappadokien liegen keine Alpen, keine dramatischen Gipfel mit Namen, die man sich merkt. Es sind eher Erhebungen als Berge. Sie wollen nicht beeindrucken, hinterlassen aber dennoch ein lang anhaltendes Gefühl in den Oberschenkeln.

Hinter dem Marmarameer hebt sich das Land langsam. Wälder werden lichter, Hügel weiter.

Diese Berge gehören zum anatolischen Hochland, einem riesigen Binnenraum, eingerahmt vom Pontischen Gebirge im Norden und dem Taurus im Süden. Kein scharfer Schnitt, eher ein allmähliches Hinübergleiten in Höhe und Weite.

Historisch sind diese Pässe seit langem Handelswege. Hier verliefen Wege, lange bevor sie Straßen hießen. Hethiter, Perser, Römer, Byzantiner – sie alle zogen durch diese Landschaft, nutzten ihre Pässe und ihre fruchtbaren Hochebenen. Anatolien war schon immer Verbindung: zwischen Ost und West.

Und dort, wo die längst verstummten Vulkane Erciyes und Hasan Dağı ihre geologischen Schatten bis nach Kappadokien werfen, entstand aus Asche und Zeit jene Landschaft, die heute wie ein Traum wirkt – und über die ich hoffentlich in der nächsten Woche berichten kann.

Nun wünsche ich Euch allen ein fröhliches und gesegnetes Osterfest.

P. S.: Täglich gib es eine kurze Tageszusammenfassung in bewegten Bildern auf Instagram. Wer sich dort nicht tummelt, findet diese mindestens zur Veröffentlichung neuer Episoden auf dieser Seite, auch hier.

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