In Tbilisi musste ich mich von meiner Reisegruppe trennen, die mir ans Herz gewachsen war. Wie so oft auf langen Reisen: Jede und jeder hat eigene Pläne, eigene Horizonte, eigene Zeitrechnungen. Auch wenn wir selten gemeinsam geradelt sind, war da doch dieser stetige, verlässliche Kontakt – und hin und wieder ein Abend, an dem Geschichten, Brot und Wein geteilt wurden. Der Abschied war ehrlich schade.
Nach dem Verlassen von Tbilisi folgten zwei tatsächlich schöne Radtage.





Schneebedeckte Berge ragten in den Himmel wie gemalte Versprechen, die Luft war warm, der Duft der Blüten fast aufdringlich lieblich. Landschaftlich hätte es der Auftakt zu einem Werbeprospekt sein können. Doch in mir schwebte eine sehr banale, fast existentielle Frage: Werden die mich hineinlassen?

Hintergrund
Der Hintergrund dieser Unsicherheit ist ebenso nüchtern wie absurd. Die Landgrenze zwischen Georgien und Aserbaidschan ist seit März 2020 geschlossen – eine Maßnahme Aserbaidschans, eingeführt zu Beginn der COVID‑19‑Pandemie und seither mit bemerkenswerter Beharrlichkeit verlängert. Zuletzt bis mindestens Sommer 2026.
Die daraus resultierende Logik für alles, was nicht Warenverkehr ist, ist von eigentümlicher Klarheit:
- Einreise nach Aserbaidschan per Flugzeug: erlaubt.
- Einreise auf dem Landweg: grundsätzlich verboten.
In mehreren Nächten versuchte ich daheim am Rechner eine Möglichkeit zu finden, doch auf dem Landweg einreisen zu können. Eine Weltumradlung duldet keine Lücke im Track.
Irgendeine Mailadresse. Irgendeine zuständige Behörde. Irgendeinen Menschen mit Entscheidungsbefugnis. Ich schrieb. Wartete. Schrieb weiter. Zehn Tage später – es war Januar – hielt ich tatsächlich eine Einreisegenehmigung in den Händen. Ich hatte in der Lotterie gewonnen.
Beruhigend war das trotzdem nicht. Denn ein gescheiterter Grenzübertritt hätte bedeutet: Zurückradeln nach Tbilisi, Flugzeug nehmen, wie alle anderen. Alternativen? Theoretisch ja, aber wirklich nur theoretisch: Im Süden via Iran, im Norden via Russland.
Ironischerweise war es dann nicht die Einreise nach Aserbaidschan, die Probleme machte, sondern die Ausreise aus Georgien. Die georgischen Grenzbeamten vertraten – völlig zu Recht – die Ansicht, diese Grenze zu Aserbaidschan sei geschlossen und wollten mich gar nicht bis zu deren Grenzkontrolle durchlassen. Punkt.
Dass ich trotzdem passieren durfte, war ein Lehrstück in Geduld, Beharrlichkeit und sehr vorsichtig gesetzten Sätzen. Danach war ich für ein paar Stunden der König der Radreisenden in dieser Region – eine Würde, die vor allem aus vielen Nachfragen bestand.

Die Tage danach waren von Korrespondenz geprägt. Fragen, Mails, Erklärungen. Denn wie ich haben auch andere Reisende ein durchaus legitimes Interesse, diese Grenze zu überwinden.
Meine Erwartungen an Aserbaidschan waren groß: Bergdörfer im Kaukasus, weite Ebenen, historische Stätten. Die Realität war… nass. Kalt. Grau. Zwei Tage fuhr ich in den Wolken, der Horizont stets außer Reichweite. Mindestens einen Ort, den ich unbedingt besuchen wollte, ließ ich aus – er lag noch höher, noch weiter im Nebel.





Erst mit sinkender Höhe, kurz vor Baku, änderte sich das Wetter.





Baku
Zwei Tage verbrachte ich in der Stadt. Auf den ersten Blick eine Großstadt wie viele andere. Auf den zweiten ein sichtbar zerrissener Ort: zwischen gläserner Moderne und bröckelnder Historie, zwischen westlicher Orientierung und dem Erbe als Aserbaidschanische SSR, als Teil der UdSSR.


Am 8. Oktober 1991 erklärte Aserbaidschan seine Unabhängigkeit; Realität wurde sie in einem Raum, der politisch bis heute unter Spannung steht. Die Kriege um Bergkarabach – 1991 bis 1994, erneut 2020 und zuletzt 2023 – prägen das Land bis heute.
Noch ein interessanter Fakt: Rund 10 Millionen Aserbaidschaner leben in Aserbaidschan. Bemerkenswerterweise aber etwa 23 Millionen Aserbaidschaner im Iran – eine historische Verschiebung, die zeigt, wie relativ nationale Grenzen im Kaukasus immer schon waren und welche Spannungen hier nach wie vor herrschen.
Einen Tag erkundete ich die Stadt, einen das Umland. Eindrücke dieser Tage findet ihr hier:
Am heutigen Sonntag bin ich weiter nach Alat gefahren, rund 70 Kilometer südlich von Baku. Dort befindet sich der sogenannte „Überseehafen“ der Hauptstadt. Nach dem Studium der Landkarte hätte man erwarten können, dass diese Etappe eine romantische Fahrt entlang der Küste des Kaspischen Meeres werden würde.
Die Realität sah anders aus: Kilometer um Kilometer Industriegebiet, dominiert von Öl‑ und Gasförderanlagen, Rohrleitungen, Terminals und all jener Infrastruktur, die dieses Land wirtschaftlich prägt.



Auch hier – und auch heute – wurde es wieder spannend. Denn ein für organisationsgewohnte Deutsche ausgesprochen ungewohnter Umstand musste akzeptiert werden: Für die Fährpassage, genauer gesagt für ein Frachtschiff mit ein paar Kabinen für Sonderlinge wie mich, gibt es keinen Fahrplan. Die Schiffe fahren, wenn sie voll sind. Andere Reisende berichteten von Wartezeiten von bis zu fünf Tagen.
Doch scheinbar habe ich auch hier wieder Glück. Ich fuhr in den Hafen, ging ins Ticketoffice –


und erhielt tatsächlich ein Ticket für den morgigen Montag. Die Auskunft des Verkäufers war denkbar knapp: „Seien Sie morgen um 10 Uhr hier.“ Wobei hier zu ergänzen ist: Der Reisetag steht nicht auf dem Ticket, diese Aussage erfolgte rein mündlich. Und: Bezahlt werden musste die Passage in Dollar.

Meine weiteren Fragen nach der Abfahrtszeit der Fähre beantwortet er mit einem Schulterzucken: „Wenn sie voll ist.“ Die Dauer der Überfahrt? „Zwischen zwölf und zwanzig Stunden.“ Mehr sei dazu nicht zu sagen. Es bleibt nichts anderes übrig, als dies so hinzunehmen. „Mitschwingen“ – ein oft zitierter Rat meines Bruders – scheint hier tatsächlich die sinnvollste Strategie zu sein. Also schwinge ich mit.
Voraussichtlich werde ich also morgen dieses Land verlassen. Ein Land, das aus rein reiseorganisatorischen Gründen wohl so bald nicht wieder auf meiner Route liegen wird. Und doch verlasse ich es mit einem merkwürdigen Gefühl: Ich habe ein Bild von Aserbaidschan gewonnen, aber kaum eines von seinen Menschen. War die Zeit zu kurz? War ich selbst zu rastlos? Oder sind die Menschen hier einfach reservierter, als ich es, z. B. in der Türkei, bisher erfahren durfte? Schwer zu sagen.
Es bleibt eine gewisse Leerstelle. Und ein leiser Anflug von Enttäuschung. Schade eigentlich – gerade weil ich mir solche Mühe gegeben habe, überhaupt hineingelassen zu werden.
Nachtrag
Vielleicht noch ein kleiner Nachtrag zu Aserbaidschan. Ähnlich wie zuvor in der Türkei gibt und gab es auch hier zahlreiche Polizeikontrollen. In der Regel steht ein Polizeifahrzeug entgegen der Fahrtrichtung auf dem Seitenstreifen, Autos und LKWs werden herausgewinkt – und, grob geschätzt, jedes zweite Mal auch ich.
Das Anliegen der Polizisten war dabei nie repressiv. Meist ging es um eine kurze Unterhaltung, ein neugieriges „Woher kommst du?“ und „Wohin fährst du?“ – und fast immer um dieselbe Frage: „Wie alt bist du?“.
Einmal äußerte ein Polizist sogar den Wunsch, ein Foto von mir zu machen zu dürfen; sie selbst wollen und dürfen nicht fotografiert werden. Seine Begründung war ebenso überraschend wie ehrlich: Sein Vater sei in meinem Alter, sitze aber den ganzen Tag nur auf dem Sofa und schaue fern. Ich sei für ihn vielleicht so etwas wie eine lebende (interkulturelle) Motivation.
Beliebt war ich übrigens auch bei Straßenarbeitern. Immer wieder wurde ich angehalten, um kurz „Salam“ zu sagen, ein paar Worte zu wechseln – meist mit Hilfe einer Übersetzungs‑App – und schließlich gemeinsam ein Foto zu machen. Radreisende scheinen hier noch immer eine Seltenheit zu sein. Hoffentlich ändert sich das bald und Aserbaidschan öffnet seine Grenzen für Enthusiasten wie mich.



