Professor Gül – ein schwimmendes Relikt

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Wie am Vortag verabredet, fuhr ich um 10 Uhr zum Fährterminal in Alat. Was mir sofort auffiel, war nicht das, was da war – sondern das, was fehlte: Hektik. Kein Rufen, kein Pfeifen, kein hektisches Rangieren. Nichts von dem, was man sonst in Häfen erlebt, wenn Schiffe kommen oder gehen und alle so tun, als hinge die Weltwirtschaft davon ab. Es war so ruhig, dass selbst meine Hoffnung, noch am selben Tag überzusetzen, langsam verdunstete.

Dieser Eindruck verfestigte sich, als man mich nach den obligatorischen Ritualen – Pass, Ticket, Gepäck – in einen Warteraum führte. Der Raum war nicht nur menschenleer, er wirkte auch dauerhaft auf diesen Zustand hin optimiert. Man erklärte mir freundlich, wo sich die Toiletten befanden und – das war neu – wo es Schlafmöglichkeiten gäbe. Auf meine Frage nach dem „Wann?“ folgte ein Schulterzucken. „Ich hole dich rechtzeitig hier ab“, diktierte der Mann seelenruhig in meine Übersetzungs‑App.

Also begann ich, mich einzurichten, als hätte ich vor, hier alt zu werden: Radschuhe aus, Birkenstocks an, Tisch verrückt, Steckdose gesucht, Laptop aufgebaut. Genau in diesem Moment, als der Zustand der temporären Sesshaftigkeit erreicht war, ging die Tür auf. Ich möge bitte mitkommen. Also alles wieder zurück in den mobilen Urzustand versetzen und hinterher.

Draußen wartete ein Minivan, dem ich folgen sollte. Zehn Minuten später stand ich an Bord des Schiffes.

Ich lud meine Taschen ab, verstaute und verzurrte mein Rad und kämpfte mich anschließend eine ausgesprochen steile Treppe nach oben.

Alles an diesem Schiff hatte den Charme eines Reichsbahn‑Waggons aus den Siebzigern: funktional, unverwüstlich und gänzlich uninteressiert daran, ob man sich wohlfühlt. Nach etwas Herumirren fand ich schließlich jemanden, der mir eine Kabine zuteilte und mir wortlos Bettwäsche in die Hand drückte. Kabine Nummer 3 – ganz vorne, mit Blick auf den Bug. Auf der Color Line oder bei Smyril hätte man das wohl „Captain’s Suite“ genannt. Hier war es eben Kabine 3.

Auf der Passagierliste hatte ich zuvor gelesen, dass insgesamt 28 Personen an Bord sein sollten. Neben mir ein weiterer Deutscher und ein britischer Staatsbürger – ich fand sie später: zwei Backpacker auf dem Weg nach China, also Menschen mit Zeit und einem gewissen Vertrauen ins Improvisierte.

So hatte ich Gesellschaft bei den drei täglichen Mahlzeiten, die es an Bord gab – im Ticketpreis von 70 US‑Dollar übrigens inbegriffen. Die übrigen Passagiere waren ausnahmslos Männer, allesamt Trucker.

Ich kam mit einigen von ihnen ins Gespräch. Einer aus Bulgarien transportierte Klimaanlagen von Duisburg nach Taschkent, ein anderer aus der Ukraine war unterwegs nach Astana. Rund 30 Tage seien sie jeweils unterwegs, erzählten sie – lange Fahrten, endlose Straßen und eine Zeit fern der Heimat.

Um 16 Uhr legte das Schiff ab. Ohne Durchsage und ohne Sicherheitsunterweisung. Das Mittagessen – pünktlich um 11:30 Uhr, wie immer – hatte es da längst gegeben. Die Crew ist jeweils drei Monate am Stück an Bord und kocht drei Mahlzeiten am Tag, egal ob das Schiff fährt, wartet oder irgendwo zwischen Vergangenheit und Zielort treibt.

Die Überfahrt verlief ruhig, fast unspektakulär, und so erreichten wir am folgenden Tag gegen Mittag Ortszeit schließlich den Zielhafen nahe Kuryk.

Ach ja: Das Schiff heißt Professor Gül und wurde 1986 in Jugoslawien gebaut. Ein schwimmendes Relikt aus einem Staat, der nicht mehr existiert – was irgendwie gut zu dem Erlebten passt.

Was danach folgte, war der Grenzübertritt in Land Nummer 13 dieses Projekts – ein Ereignis, das weniger an eine moderne Staatsgrenze erinnerte als an ein lebendiges Freilichtmuseum postsowjetischer Verwaltungskunst. Zwei volle Stunden dauerte das Schauspiel, inklusive ärztlicher Untersuchung wie zu besten Corona-Zeiten: Fieber messen, Stirnrunzeln, bedeutungsvolles Nicken.

Parallel dazu begann das eigentliche Grenzritual. Beamte kamen und gingen, stets mit neuen Ideen, wie man mir den Aufenthalt – oder zumindest den Grenzübertritt – erleichtern könnte. Für 20 US‑Dollar etwa, so erklärte man mir freundlich, ließe sich die Passkontrolle „beschleunigen“. Ein anderer Beamter zeigte auffällig oft auf meine Handyhülle. Seine, wie er mir diskret mitteilte, sei leider kaputt.

Ein mitreisender Backpacker durfte lernen, dass Kameras hier offenbar als Luxusgüterer gelten: 100 US‑Dollar lautete die Forderung für eine Einfuhrgenehmigung. Und als die Beamten schließlich bemerkten, dass die Backpacker noch kein Taxi oder Shuttle in die Stadt organisiert hatten, witterten sie ihre Chance. Man bot ihnen bereitwillig Hilfe an – zu einem Preis, der vermutlich auch eine Limousinenfahrt durch Monaco gerechtfertigt hätte.

Zum krönenden Abschluss wurde ich gebeten (oder eher veranlasst), mein Fahrrad eine Treppe hinaufzutragen. Das große Tor, erklärte man mir achselzuckend, sei leider kaputt. Welch tragischer Zufall. Ich schob, trug und schwitzte – nicht ohne den leisen Verdacht, dass dies die Retourkutsche für meine ausgeprägte Zahlungsunfreude war.

Jetzt bin ich in Kasachstan…

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