Von Pilgern, Plateaus und Proviant

Kasachstan ist fast achtmal so groß wie Deutschland – und hat doch nur rund ein Viertel seiner Einwohner.

Quelle: https://truesize.net/

Über Kasachstan zu schreiben, als handele es sich um einen klar umrissenen Ort, wäre daher ungefähr so sinnvoll, wie von einer siebentägigen Radtour durch Frankreich, Belgien, die Niederlande, Deutschland, Polen, Rumänien, Österreich und ein paar zufällig dazwischenliegende Länder zu berichten – und das Ganze dann schlicht „Europa“ zu nennen. Es verbietet sich also.

Ich habe ausschließlich einen winzigen Ausschnitt dieses riesigen Landes bereist: die Mangystau‑Region im Westen Kasachstans. Eine Landschaft aus Steilküsten, Halbwüste, Wüste, Kalksteinplateaus und weiten Horizonten, die wirken, als habe jemand den Regler für „Weite“ etwas zu beherzt nach rechts geschoben.

Mangystau ist noch einmal deutlich dünner besiedelt als Kasachstan insgesamt. Hier leben im Durchschnitt kaum fünf (5) Menschen pro Quadratkilometer. Zum Vergleich: In Deutschland sind es gut 235. Anders gesagt: In Mangystau braucht es Geduld, ein Fernglas – und manchmal schlicht Glück, überhaupt jemandem zu begegnen.

Das erklärt einige der folgenden Bilder. Und vieles von dem, was zwischen ihnen liegt.

Der Westen Kasachstans / die Mangystau‑Region

Ich erreichte Kasachstan mit der Fähre über das Kaspische Meer. Zielhafen war Kuryk, ein funktionaler Umschlagpunkt südlich von Aktau. Vegetation ist hier spärlich, die Entfernungen sind groß, Ortschaften liegen weit auseinander.

Historisch war Mangystau dennoch nie isoliert. Karawanenrouten verbanden die Halbinsel mit Choresm, Persien und dem innerasiatischen Raum. Handel, Religion und Migration haben über Jahrhunderte hinweg Spuren hinterlassen.

Besonders bekannt ist die Region für ihre unterirdischen Moscheen, Nekropolen und Pilgerstätten, die abseits moderner Verkehrsachsen liegen. Viele dieser Orte sind nur über Schotterpisten oder unbefestigte Tracks erreichbar. Infrastruktur im westlichen Sinn ist selten; dafür existieren lokale Formen von Versorgung und Gastfreundschaft. Ihr werdet sehen.

Die Ankunft in Kuryk markierte für mich weniger einen Einstieg als eine abrupte Umstellung: auf andere Entfernungen, andere Zeitmaßstäbe und eine für mich völlig neue Landschaft und Infrastruktur. Bis hierher hatte ich mir auf dieser Reise kaum Gedanken um meine Versorgung machen müssen – Essen und Trinken gab es immer in regelmäßigen Abständen.

Das änderte sich nun. Ähnlich wie bei der Hochlandquerung auf Island musste ich einkaufen, Essen portionieren, Vorräte anlegen – diesmal jedoch zusätzlich auch Wasser bunkern. Für das längste Stück ohne Versorgungsmöglichkeit, rund 230 Kilometer, hatte ich mit Sicherheitspuffer vier Tage eingeplant: 16 Liter Wasser, zusätzlich für jeden Tag eine Dose Cola sowie einen Wasserfilter für den Notfall.

Shopan‑Ata

Ich erreichte Shopan‑Ata in den späten Nachmittagsstunden. Die Temperaturen waren für die bisherigen Verhältnisse dieser Reise hoch. Der Ort liegt abgelegen und ist aus der Umgebung heraus kaum als bebautes Areal zu erkennen.

Bei Shopan‑Ata handelt es sich um eine unterirdische Moschee mit angeschlossener Nekropole, die in den Fels geschlagen wurde. Die Anlage wird in der Forschung überwiegend in das späte 12. oder frühe 13. Jahrhundert datiert. Benannt ist sie nach dem Sufi‑Mystiker Shopan‑Ata, der als Schüler von Khoja Ahmed Yasawi gilt.

Historische Quellen und mündliche Überlieferung lassen sich hier nicht eindeutig voneinander trennen.

Neben der Moschee erstreckt sich eine große Nekropole mit mehreren tausend Gräbern, deren Entstehungszeitraum vom frühen Mittelalter bis in die Neuzeit reicht. Über Jahrhunderte diente der Ort als religiöses Zentrum und Begräbnisstätte unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen der Region.

Bei meiner Ankunft wurde ich von den Anwesenden sofort aufgenommen. Mir wurde Essen angeboten, immer kümmerte sich jemand um mich. Die Verpflegung war üppig und vielfältig. Auf meine Frage, ob ich hier übernachten könne, folgte ein selbstverständliches Ja. Ein Raum wurde mir zugewiesen, eine Unterlage ausgerollt.

Shopan‑Ata ist bis heute ein aktiver Pilgerort. Am Abend traf eine Großfamilie ein – etwa sechzig Personen –, die diesen Ort einmal im Jahr gemeinsam besucht.

Wieder wurde ich eingeladen, wieder durfte ich essen. Die mit Hingabe zusammengestellte Bevorratung für das 230 Kilometer lange Stück trug ich gerne weiter durch die Wüste.

Nach dem Essen – Männer und Frauen getrennt – wurde gebetet. In der Gruppe waren sieben Imame, die jeweils ihren Teil zur Zeremonie beitrugen. Vieles war mir fremd, manches berührend, doch ich fühlte mich die ganze Zeit wohl und willkommen.

Am folgenden Morgen konnte ich die Moschee besuchen. Sie besteht aus mehreren funktionalen Räumen, darunter ein zentraler Raum mit Lichtöffnung sowie weitere Kammern mit religiöser und praktischer Bedeutung. Die Bauweise sorgt für deutlich niedrigere Temperaturen im Inneren als draußen. Ornamentik oder dekorative Elemente sind kaum vorhanden.

Quellen:

https://www.livetheworld.com/post/legends-and-burials-around-the-shopan-ata-necropolis-in-mangystau-365y


https://en.wikipedia.org/wiki/Ahmad_Yasawi

Danach setzte ich meine Reise fort.

Beket‑Ata

Eine Tagesetappe weiter erreichte ich Beket‑Ata.

Auch Beket‑Ata ist eine der bedeutendsten Pilgerstätten Kasachstans. Die unterirdische Moschee liegt abgelegen im Oglandy‑Tal am Rand des Ustyurt‑Plateaus und wurde Ende des 18. Jahrhunderts von dem Sufi‑Gelehrten Beket Myrzagululy gegründet.

Die vollständig in den Fels gehauene Anlage besteht aus mehreren Kammern, darunter Gebetsräume sowie die Grabstätte Beket‑Atas selbst und die seiner Schwester.

Der lange Abstieg zur Moschee ist Teil des religiösen Weges und unterstreicht den asketischen Charakter des Ortes. Die genaue Zahl der Stufen habe ich nicht gezählt, aber es handelt sich um einen ausgedehnten, körperlich anspruchsvollen Abstieg – und später wieder Aufstieg –, weitgehend ohne Schatten.

Beket‑Ata gilt bis heute als Heiliger und spiritueller Lehrer. Historisch ist er als reale Persönlichkeit des 18. Jahrhunderts gesichert; um seine Person und den Ort ranken sich jedoch zahlreiche Legenden, die den religiösen Stellenwert der Moschee bis in die Gegenwart prägen.

Auch hier wurde ich eingeladen, konnte essen, trinken und übernachten. Die Erfahrung, einen überhitzten und stickigen Saal mit sechzig schnarchenden und schwitzenden Männern zu teilen, stand nicht auf meiner Wunschliste.

Aber ich wollte ohnehin früh aufstehen: Vor mir lagen 135 Gravel‑Kilometer durch die Halbwüste, zu bewältigen, bevor die angekündigten Gewitter über die schutzlose Ebene ziehen würden.

Quellen:

https://www.advantour.com/kazakhstan/mangystau/beket-ata.htm

https://eurasia.travel/kazakhstan/mangystau/beket-ata-mosque/

Es waren zwei sehr besondere Orte und intensive Erfahrungen. Ich bin froh, mich in diese Region gewagt zu haben. Die Hürde, allein durch diese weiten, kargen Landschaften zu fahren, war hoch, der Respekt stets präsent. Aber es hat sich in jeder Hinsicht gelohnt – auch wenn es körperlich und mental harte (Fahrrad‑)Arbeit war.

Zwei weitere Fahrtage später erreichte ich Beyneu, eine Kleinstadt etwa 80 Kilometer westlich der usbekischen Grenze. Sollte ich dort nicht erneut in der Grenz‑Lotterie gewinnen, werde ich am Donnerstag mit dem Zug bis zum Grenzort Karakalpakiya auf die andere Seite fahren; der Übergang ist für Individualreisende gesperrt.

Dort beginnt der letzte Abschnitt meiner Reise. Dann sind es noch rund 1. 900 Kilometer bis Taschkent – die im zeitlichen Rahmen des 30‑Tage‑Visums zu bewältigen sind. Und ein paar interessante Orte kommen auch noch, die erkundet werden wollen…

Zum Abschluss vielleicht noch ein kleiner Einblick in mein Seelenleben

Ich habe es sehr genossen, nach langer Zeit wieder auf andere Reisende zu treffen. Auch wenn diese Begegnung nur kurz und punktuell war, gibt sie mir das Gefühl, nicht allein unterwegs, sondern Teil einer lose verbundenen Gemeinschaft zu sein. Das trägt – mehr, als ich vorher gedacht hätte.

Besonders schätze ich jene Momente, die sich nicht planen lassen: die Einladungen, die Begegnungen, ein Ort, der wie eigens für eine Pause gemacht scheint. Wie wohlschmeckend plötzlich Porridge mit Obst und Honig sein kann, wenn ringsum nur Weite ist, lässt sich schwer beschreiben.

Und selbst der Kaffee duftet in dieser Umgebung um ein Vielfaches einladender – einfach, weil dies alles nicht selbstverständlich ist.

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