Insel der Götter

Wir erreichen Samothraki mit einer Fähre, die einmal am Tag die Insel mit dem Festland verbindet und die für ihren Verwendungszweck viel zu groß erscheint.

Die Besiedlung Samothrakis reicht bis in die Jungsteinzeit (ca. 6000 v. Chr.) zurück. In der Bronzezeit Teil der ägäischen Kulturwelt, blieb die Insel stets abseits politischer Machtzentren – ihre Bedeutung lag vor allem im Spirituellen.

In der Antike wurde sie zum Zentrum eines geheimnisvollen Mysterienkults. Im Heiligtum der Großen Götter (Sanctuary of the Great Gods) fanden rituelle Einweihungen statt, deren Details bis heute rätselhaft bleiben. Auch Alexander der Große soll hier initiiert worden sein.

Um 190 v. Chr. entstand die berühmte Nike von Samothraki – heute im Louvre zu sehen.

Unter Römern und Byzantinern blieb das Heiligtum aktiv, doch die Insel spielte keine strategische Rolle. Später gehörte sie zum Osmanischen Reich, die Bevölkerung lebte von Landwirtschaft und Fischerei. Seit 1912 ist Samothraki Teil Griechenlands.

Und ja, bei Anreise erscheint die Insel wie ein Paradies in der Ägäis.

Doch je weiter wir eintauchen, je mehr wir mit den Menschen in Kontakt kommen, zeigt sich auch eine andere Seite der Insel.

Unser Aufenthalt im Süden

Zwei Tage verbringen wir bei Giorgos in einem Zimmer direkt am Meer.

Giorgos (67) betrieb 30 Jahre lang eine Taverne, die er jetzt an seinen Neffen übergeben hat. So hat er die Zeit und offensichtlich auch die Muße, uns viel über die Insel zu erzählen, die im Süden hauptsächlich von Olivenbäumen geprägt ist.

Er nimmt uns mit zu einer seiner Olivenhaine. 250 Bäume stehen dort, in ordentlichen Reihen. Jeder Baum trägt im Schnitt 25 Kilogramm Oliven – das ergibt etwa fünfeinhalb Liter Öl. Er schätzt das Alter der Bäume am Wuchs, an der Rinde, am Ausdruck. Auch ich finde, dass Olivenbäume eine Seele haben müssen. Wir wirken so weise.

Die Bäume auf diesem Hain hat sein Großvater gepflanzt. Sie dürften jetzt, so Giorgos, etwa 130 Jahre alt sein.

Olivenbäume, sagt er, altern nicht. Sie werden nur älter. In Griechenland gibt es Exemplare, die seit 2000 Jahren geerntet werden.

Früher war die Ernte Handarbeit. Heute übernimmt ein „Vibrator“ die Aufgabe – ein Gerät, das in die Äste gehalten wird und die Oliven durch rhythmisches Rütteln auf ausgebreitete Matten schüttelt. Bei unsere Inselerkundungen sehen wir Männer mit diesen Geräten. 10 Minuten dauert es, einen Baum abzuernten, eine Arbeit, die heute vorrangig von bulgarischen Gastarbeitern ausgeführt wird und nach Aussage von Giorgos viel Erfahrung benötigt, damit die Bäume keinen Schaden nehmen.

Am Abend fährt er uns einen Kilometer – und hundert Höhenmeter – hinauf nach Lakkoma, einem Ort, der sich dem Tourismus entzieht. In der Taverne sind wir die einzigen Fremden, und Friederike die einzige Frau. Das Essen ist köstlich, die Atmosphäre unprätentiös. Es wird geredet, geschaut, gegessen – ohne Menükarte. Viele der Männer in dieser Taverne sitzen zusammen, reden aber wenig. Die Gemeinschaft scheint das Wesentliche zu sein.

Mit gefülltem Bauch treten wir den Rückweg zu Fuß an. Bergab, durch die Nacht, begleitet vom Zirpen und dem Gefühl, an einem besonderen Ort zu sein.

Am zweiten Tag gehen wir mit dem Fahrrad auf Erkundungstour. Erst hoch hinaus, zunächst zu einem Käseladen (nur heimische Produktion, Käse aus gemischter Ziegen- und Schafsmilch, der Geschmack des Käses übertraf die einladende Freundlichkeit der Inhaberin um Welten) und dann bis auf gut 300 Meter in den höchsten Ort, den es auf dieser Insel gibt. Auch dort gibt es eine Taverne für einen kurzen Kaffee und Kakao, bevor wir wieder hinab ans Meer rauschen.

Unser Ziel: Ein Strand ganz im Süden der Insel, den wir in der Dämmerung erreichen. Ganze fünf Menschen verlieren sich hier, uns einbezogen, und der Wind peitscht.

Es gibt hier ein altes Sprichwort: “Wenn der griechische Gott der Winde, Aiolos, spielen möchte, kommt er nach Samothraki.“

Die Sonne hüllt alles in ein zartes Rot. Wir müssen los, um vor der Dunkelheit zurück zu sein.

Am Ende werden die heutigen 25 km die anstrengendsten unserer Reise gewesen sein, obwohl wir ohne Gepäck unterwegs waren. Satte 1.000 Höhenmeter haben wir gesammelt. Wir essen aufgewärmte Nudeln und fallen müde ins Bett.

Eine kritische Anmerkung zu diesem Teil der Insel muss noch sein:

Samothraki scheint ein Lehrstück in europäischer Agrarpolitik, das man nicht in Brüssel, sondern nur auf den hiesigen Straßen und Wegen versteht. Die Insel zeigt, wie Subventionen ohne ökologische Ausrichtung zur Landschaftsvernichtung führen können – und wie eine antike Kultstätte zur Bühne für moderne Absurditäten wird.

Samothraki hat ein Ziegenproblem. Ein ernstes. Die Tiere sind überall und sie fressen, was ihnen vor die Schnauze kommt – und das ist leider oft die letzte verbliebene Vegetation. Wir haben Flurstücke gesehen, da war Vegetation als solche nicht mehr erkennbar. Die Folge: Bodenerosion und Schlammfluten. Eine einstmals bewaldete Insel verkommt zu blankem Fels und Olivenhainen.

Die Ursache? Ein klassischer Fall von gut gemeint, schlecht gemacht. Die EU-Agrarförderung belohnte jahrelang die Anzahl der Tiere, nicht deren ökologischen Fußabdruck. Ergebnis: Ziegenvermehrung als Geschäftsmodell. Wer viele Tiere anmeldete, bekam viel Geld – ob die Insel das verkraftet oder nicht, war sekundär. Wie wir später erfahren gibt es Berechnungen, dass die Insel etwa 12.000 Ziegen verkraften könnte, ohne ökologischen Schaden zu nehmen. In der Spitzenzeit der Agrarförderung waren es 80.000.

Nach zwei Tagen ist es Zeit die Inselseite zu wechseln, bei sommerlichen Temperaturen wollen wir in den Norden zu einer Arbeitsstelle, die wir uns über Workaway organisiert haben. Dazu gleich mehr.

Wir sind schon auf dem Weg, als neben uns ein Pickup hält – das beherrschende Fortbewegungsmittel auf Samothraki. Giorgos steigt aus, lächelnd wie immer. Er sei heute Morgen nicht vor Ort gewesen, sagt er entschuldigend, aber das könne er so nicht stehen lassen. Er wolle sich verabschieden. Und dass wir wiederkommen sollen, das sagt er nicht beiläufig, sondern mit Nachdruck – als wäre es weniger Wunsch als Abmachung.

Zum Abschied drückt er uns eine kleine Flasche Olivenöl in die Hand. Nicht irgendein Öl, sondern eines aus wilden Oliven, handgepflückt in den Wäldern der Insel. Die Früchte sind kleiner, widerspenstiger, und das Ergebnis rar: 250 Milliliter kosten im Laden 40 Euro. „Das ist kein Öl“, sagt Giorgos, „das ist Medizin.“ Dann steigt er wieder ein, winkt, fährt davon – und lässt uns mit einer Flasche in der Hand und einem Gefühl zurück, das irgendwo zwischen Dankbarkeit und leiser Verpflichtung liegt.

Unser Aufenthalt im Norden

Schon vom Festland aus hatten wir versucht, eine Arbeitsstelle auf Samothraki zu finden. Drei Optionen standen im Raum, eine sagte zu – trotz unserer bescheidenen Verweildauer von nur vier Tagen. Eigentlich nehmen sie nur Helfer, die mindestens einen Monat bleiben. Aber vielleicht klang unsere Anfrage nach Neugier statt nach Anspruch.

Aus den vier Tagen wurde dann nichts. Der Wind hatte andere Pläne. So blieben wir zunächst im Süden, was ja, wie gelesen, auch sehr schön war.

Dann fuhren wir zu Baba und Iason, die vor vier Jahren ein gut vier Hektar großes Stück Land gekauft haben. Damals: abgeweidet, ökologisch tot. Heute: eine grüne Welt zwischen Meer und Gebirge. Als wir das Gelände betreten, summt es, krabbelt es, blüht es. Ameisenstraßen durchziehen die Wege wie kleine Handelsrouten, alles wirkt belebt und zugleich still.

Im oberen Drittel steht eine Jurte, die die beiden bewohnen. In einer Mischung aus Permakultur und Syntropischer Landwirtschaft haben sie hier eine Oase geschaffen. Wir legen sofort Hand an, ernten Tomaten, bereiten Beete für den Winter vor. Währenddessen erzählt uns Baba von ihren Prinzipien, von Geduld, von der Kunst, einem ausgelaugten Boden wieder Wachstum beizubringen.

Vor dem Abendessen beziehen wir das bereitgestellte Zelt. Iason, der tagsüber Tauchkurse gibt, war im Meer und hat mit der Harpune ein paar Fische gefangen. Sie landen auf dem Teller – gekocht, gegrillt, frittiert. Dazu Salat und Gemüse aus dem Garten. Es wird ein gesprächiger Abend, mit Fisch, wie ich ihn so noch nie gegessen habe: frisch, direkt, ohne Umweg und super lecker.

Am nächsten Tag arbeiten wir weiter im Garten. Weil wir fleißig waren – oder weil Baba ein gutes Gespür für Balance hat – bekommen wir schon am Mittag frei. Zeit für eine Wanderung zu den Wasserfällen und Badeponds, für die Samothraki auch bekannt ist. Die Insel zeigt sich von ihrer wilden Seite, und wir folgen ihr – mit müden Beinen und Händen, bis wir hoch oben unter einem Wasserfall in einen der natürlichen Ponds steigen, um uns – ganz kurz – abzukühlen.

Und dann spielt wieder Aiolos – für die Nacht und den Folgetag ist Sturm angesagt. Wir müssen unser Zelt räumen und in eine feste Unterkunft umziehen. Wir helfen nach dem gemeinsamen Abendessen Baba und Iason noch, alles sturmfest zu machen und fahren den warmen Wind im Gesicht in den Nachbarort, wo wir uns ein Zimmer gemietet haben.

Der Sturm beschließt für uns am Folgetag: Heute wird nicht gearbeitet oder gereist, sondern geruht. Wir bleiben brav in unserer Unterkunft. Nur am Abend, nach dem großen Regen, trauen wir uns einmal hinaus – zum „Supermarkt“ nebenan, der den Begriff mit einer gewissen Großzügigkeit auslegt.

Dort stolpern wir über eine kulinarische Überraschung: Der Besitzer produziert Pasteli, und zwar preisgekrönt. Zweimal hat die Familie Zakatas den „Great Taste Award“ eingeheimst.

Pasteli ist eine der bekanntesten traditionellen Süßigkeiten Griechenlands, deren Geschichte bis in die Antike zurückreicht. Es wird aus Sesam und Honig hergestellt, einer perfekten Kombination dieser beiden Lebensmittel mit hohem Nährwert.

In Therma (106 Einwohner), einem Ort, der klingt wie ein Wellnessversprechen, aber sehr, sehr verschlafen daher kommt, hätten wir das nicht vermutet. Und wer braucht schon Sonne, wenn es Sesam und Honig gibt? Wir jedenfalls werden richtig gut satt.

Der letzte Tag beginnt mit einem Abschied bei Baba und Iason – trotz der nur kurzen gemeinsamen Zeit haben wir die beiden in unsere Herzen geschlossen.

Danach radeln wir zur Ausgrabungsstätte der Sanctuary of Great Gods, dorthin, wo einst die geheimnisvollen Mysterien stattfanden. Und die Nike von Samothraki wurde hier gefunden, von der wir (auch, wenn es nur eine Replik ist), sehr beeindruckt sind.

Der folgende Abstecher in eines der Bergdörfer lässt erahnen, wie tief die Zeit hier verwurzelt ist: byzantinische Mauern, osmanische Gebäude, alte Brunnen und römische Wasserleitungen haben alle Wirren der Geschichte überstanden.

Dann bringt uns die Fähre zurück zum Festland – hinaus aus der Geschichte und weg von einer irgendwie mystischen Insel, zurück in unsere eigene Gegenwart.

Wenn alles gut läuft, sind es jetzt noch fünf Fahrtage bis Istanbul.

Ein Kommentar zu „Insel der Götter“

  1. […] versprochen hier noch ein Bericht über die finalen Etappen, nachdem wir „Die Insel der Götter“ verlassen […]

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