Wie versprochen hier noch ein Bericht über die finalen Etappen, nachdem wir „Die Insel der Götter“ verlassen hatten.
Fünf Tage, in denen sich die Landschaft streckt, die Gedanken sich verdichten und die Reifen sich noch einmal durch jeden erdenklichen Untergrund graben. Alexandroupoli (Griechenland) liegt hinter uns – geografisch nah, emotional bereits verblasst.








Die bisherigen Grenzübertritte waren kleine Tagesakzente – mit Ausnahme jener diskreten Ausweisung aus der EU, die wir hier höflich in Klammern setzen. Doch der Übergang in die Türkei ist ein anderes Kaliber: orientalisch angehauchte, völlig überdimensionierte Grenzbauten, viel Zaun, viel Uniform. Ein architektonisches Statement: „Hier beginnt etwas anderes.“ Und tatsächlich – die ersten Tränen rollen. Nicht wegen des Designs, sondern weil das Ziel nun greifbar ist.

Die Straße zieht sich durch Felder, die im November nach Abschied riechen. Rechts glitzert das Marmarameer, als wolle es uns begleiten. Der Verkehr nimmt zu. Was uns bisher gelang – das Meiden der großen Transitachsen – wird nun zur Herausforderung. Wir teilen das Asphaltband mit LKW-Kolonnen, die offenbar alle denselben Plan haben: Istanbul, möglichst schnell. Wir hingegen: Istanbul, möglichst langsam. Aber das ist eine Minderheitenposition.
Thrakien, einst Grenzland zwischen Rom und den „Barbaren“, bietet heute vor allem gerade Straßen, viele Höhenmeter und Tankstellen, die nach 40 Kilometern Schnellstraße zu Ruheoasen mutieren. Die Barbaren sind weg, die Melonenstände nicht. Wir fahren an gegen die Ahnung, dass das Ende näher ist als gedacht – und gegen die Steigungen, die sich als letzter Gegner inszenieren. Ein würdiger Abschlussgegner: zäh, schweigsam, landschaftlich reizarm.


Was bleibt, ist nicht nur die Landschaft, sondern auch die Menschen. Die türkische Gastfreundschaft ist kein Klischee, sondern offenbar ein System – effizient, herzlich und oft überraschend. Es wirkt, als hätte die Republik ein stilles Abkommen mit ihren Bürgern geschlossen: „Wer Radreisende sieht, möge ihnen freundlich begegnen.“ Und das funktioniert erstaunlich gut. Nun ja – einige PKW- und LKW-Fahrer haben dieses Abkommen offenbar überlesen.
Auch wenn die Gespräche heute oft mit einer Übersetzungs-App beginnen, enden sie meist mit einem Lächeln. Wir werden überall freundlich empfangen.


Zwei Beispiele:
An einer Steigung der Schnellstraße hält ein Mini-Laster vor uns an, setzt kurz auf dem Seitenstreifen zurück. Ein älterer Herr steigt aus und bietet an, uns samt Fahrrädern auf seine Ladefläche zu verfrachten – er könne uns ein Stück mitnehmen. Wir erklären ihm, dass wir das Ganze aus eigener Kraft durchziehen wollen. Er nickt, lächelt, fährt weiter.

In einem kleinen Ort kaufe ich eine Flasche Wasser – Preis: knapp 50 Cent. Man kommt ins Gespräch über Herkunft und Weg, über Fahrräder und den Irrsinn, den man da eigentlich betreibt – und bekommt zum Abschied eine richtig dicke Melone geschenkt. Ich trage sie zum Dank die nächsten 500 Höhenmeter auf dem Gepäckträger mit mir herum. Gastfreundschaft wiegt manchmal schwer.


Die letzten Kilometer sind gesäumt von Gewerbegebieten, Baustellen und Moscheen, die wie Wegweiser wirken. Istanbul ist nah, aber noch nicht da. Wir übernachten in einem Hotel mit Meerblick – 30 Kilometer vor unserem selbst gesteckten Ziel: dem Sultanahmet-Platz, zwischen Blauer Moschee und Hagia Sophia. Die Gespräche werden leiser, die Gedanken lauter. Byzantion, Konstantinopel, Istanbul – drei Namen für ein Ziel, das lange fern schien und nun fast zu nah ist.
Über das Glück mit dem Marathon haben wir bereits berichtet.




Dann Istanbul. Wir stehen am Bosporus, müde, glücklich, ein wenig verloren zwischen all den Sportlern.

Kein Triumphbogen, kein Fanfarenklang – nur die wummernde Musik am Zieleinlauf. Wir reden nicht viel. Jeder hat so seine Gedanken und seine Gefühle.
Aber: Die Reise ist ja noch nicht zu Ende. Wir bleiben noch eine Woche in der Stadt und hoffen auf eine Rückreise mit dem Zug, die möglichst wenig abenteuerlich verläuft.

