Der Aralsee

Ich habe die Chance eines Ruhetags genutzt, um einen Ausflug zum Aralsee zu machen.

Eigentlich hatte ich den Ort Moʻynoq, rund 10.000 Einwohner, ein ehemaliges Fischerdorf an den einstigen Ufern des Aralsees, auf meiner Route liegen. Doch angesichts des Wetters der vergangenen Tage habe ich aus reiner Vernunft zunächst auf diesen Schlenker verzichtet.
Heute habe ich ihn – dank eines mit einem Mietwagen ausgestatteten Touristenpärchens – nachgeholt.

Das Ufer ist inzwischen etwa 120 Kilometer von Moʻynoq entfernt. Die Stadt liegt nun am südlichen Rand der Wüste Aralkum – der jüngsten Wüste dieser Erde.

Noch vor 60 Jahren lag hier ein See, ungefähr so groß wie Bayern. Davon ist heute kaum mehr etwas übrig.

Der Aralsee ist nicht einfach verschwunden. Er ist langsam verdurstet. Zwei große Flüsse – Amudarja und Syrdarja – haben ihn einst gespeist. In den 1960er‑Jahren wurde ihr Wasser immer stärker abgeleitet, vor allem für den Anbau von Baumwolle nördlich des Sees. Jahr für Jahr kam weniger Wasser an, während die Sonne unbeirrt den Rest verdunsten ließ.

So begann der See zu schrumpfen. Erst unmerklich. Dann sichtbar. Dann dramatisch. Irgendwann fiel der Boden trocken. Und dort, wo früher Wasser war, blieb nichts als Salz, Staub und eine fast unwirkliche Leere.

An diesem Tag, an dem ich vom Tod eines Freundes aus unserer Sochumi‑Gruppe erfahren habe, und an dem die Tränen der Trauer und des Mitgefühls nur von der hoch stehenden Sonne getrocknet werden konnten, wurde dieser Ort zu etwas mehr als einer geografischen Station.

Er wurde zu einem Spiegel meiner eigenen Trauer.

Der Aralsee wird nicht mehr „gerettet“. Dafür ist es schlicht zu spät. Was man versucht, ist eher Schadensbegrenzung – ein vorsichtiges, fast demütiges Korrigieren dessen, was nicht mehr rückgängig zu machen ist.

Im Norden, auf kasachischer Seite, wurde ein Damm gebaut – der Kokaral‑Damm. Er hält das Wasser zusammen und verhindert, dass es weiter nach Süden abfließt. Dadurch ist dort ein kleiner Teil des Sees tatsächlich wieder gewachsen: Der Wasserspiegel steigt, der Salzgehalt sinkt, und sogar Fische sind zurückgekehrt.

Und auf der viel größeren Fläche im Süden pflanzt Usbekistan einen „Wald“. Millionen widerstandsfähiger Sträucher, vor allem Saxaul, wachsen auf dem ehemaligen Seeboden. Sie halten den Boden fest und bändigen die giftigen Salzstürme.

Aber all das ändert nichts an der eigentlichen Wahrheit: Der große Aralsee wird nicht zurückkommen. Und vielleicht ist genau das das Beklemmende an diesem Ort – dass man hier sehr genau sieht, wozu wir fähig sind.

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