Mit dem Rad von Istanbul nach Taschkent

Ich habe Taschkent erreicht. Nach 5.073 Kilometern seit Istanbul und 8.617 Kilometern seit unserer Abreise in Norderbrarup bleibe ich nun noch eine Woche in der usbekischen Hauptstadt, werde mich ein wenig erholen und die Heimreise vorbereiten: Das Fahrrad muss wieder eingepackt und die Packtaschen in eine Form gebracht werden, die Fluggesellschaften nicht sofort als persönlichen Affront verstehen. Ich bin sehr dankbar, es bis hierhin geschafft zu haben, denn im Großen und Ganzen hatte ich viel Glück — mit dem Wetter, der Windrichtung, den Begegnungen, anderen Mitreisenden und, was auf einer solchen Reise keineswegs selbstverständlich ist, auch mit dem Straßenverkehr.
Ich könnte diese Reise als Strecke beschreiben: Istanbul – Taschkent. Eine Linie, ein paar Länder, eine gewisse Anzahl an Kilometern. Aber das wäre ungefähr so, als würde ich ein Buch dadurch zusammenfassen, dass ich die Seiten zähle. Es stimmt, aber es verfehlt die Sache. Denn diese Reise bestand nie aus Orten allein. Sie bestand aus Übergängen, aus Stimmungen, aus Gegenwind, aus Tee, aus der gelegentlichen Einsicht, dass ein guter Tag nicht zwingend etwas mit Rückenwind zu tun haben muss — auch wenn das natürlich helfen würde.
Türkei – Der Anfang, der keiner ist
Istanbul war nicht nur Startpunkt, sondern zugleich auch Endpunkt einer vorherigen Reise. Genau deshalb fühlte sich dieser Neubeginn dort so stimmig an: nicht wie ein Bruch, eher wie ein Weitergehen. Der Moment, den Bosporus zu überqueren, war dann viel weniger spektakulär, als ich ihn mir über Jahrzehnte ausgemalt hatte. Kein Pathos, kein großes Innehalten, kein „So, nun beginnt der östliche Teil meines Lebens“. Eher ein leises: „Gut, jetzt also wirklich“. Genau so habe ich es in „Ich bin in Asien“ beschrieben, und rückblickend passt das noch immer sehr gut.

Bald danach wurde klar, dass die Türkei nicht vorhatte, mich freundlich in diese Reise hineingleiten zu lassen. Wind, Höhenmeter, Straßenbelag mit einem ausgeprägten Hang zum Groben — und eine Landschaft, die sich nicht dauerhaft bemüht, gefallen zu wollen. Es sind keine Berge, die auf Effekt hin gestaltet wurden. Eher solche, die einfach da sind und die Dinge sehr sachlich regeln: Vorankommen kostet Kraft, und zwar regelmäßig. Dass ich zu Beginn wirklich alle Kleidungsstücke testen konnte, außer der Badehose, hatte deshalb etwas fast Pädagogisches. „Wechselbäder“ war als Titel damals gut gewählt.

Und dann tauchten da diese Orte auf, die auf ganz unterschiedliche Weise mehr waren als bloße Stationen. Kappadokien etwa — ein Ort, bei dem ich kurz den Eindruck hatte, jemand hätte vergessen, die Filmkulisse wieder abzubauen. Dass dort Naturwunder und menschliche Wirklichkeit so ineinandergreifen, hat mich tief beeindruckt; nachzulesen ist das in „Kappadokien“.

Und Ani, diese verlassene Stadt nahe der armenischen Grenze, war das genaue Gegenstück: keine märchenhafte Kulisse, sondern ein stilles, fast beklemmendes Zeugnis dafür, dass selbst große Städte irgendwann einfach aus der Welt fallen können: „Das Reich, das die Welt vergaß“.

Was mir aus der Türkei aber am stärksten bleibt, sind nicht diese Orte, sondern die Menschen. Dieses fast schon irritierend konsequente Muster: erst ein Tee, dann ein Gespräch, dann Hilfe, ohne großes Aufheben. In „Auf alten Wegen nach Osten“ war es eine fehlende Schraube am Gepäckträger, in „Türkiye, teşekkür ederim“ dann die verdichtete Erkenntnis, dass mich dieses Land viel häufiger als Gast behandelt hat als bloß als Beobachter. Ich hatte nicht selten das Gefühl, für einen Moment dazuzugehören — und das ist mehr, als ich von einer Landschaft behaupten kann, die mich manchmal recht uncharmant gegen den Hang drückte.
Georgien – Ein Ort zum Durchatmen
Nach der Türkei wirkte Tbilisi zunächst fast wie eine Überforderung. Autos, Menschen, Geräusche — alles wieder da. Nach Wochen mit viel Weite und recht übersichtlicher Ablenkung musste ich mich erst einmal daran erinnern, dass Städte sich nicht immer für meine innere Taktung interessieren. Und doch war Tbilisi genau richtig. Ich konnte Wäsche waschen, die nächsten Tage planen, zur Ruhe kommen und — besonders schön — andere Reisende treffen oder wiedersehen. In „Tbilisi“ habe ich diesen Kontrast zwischen bröckelnder Altstadt, Schwefelquellen, modernen Bauten und dem eigenen Bedürfnis nach einer Pause beschrieben.

Was mir aus Georgien besonders bleibt, ist diese lose Gemeinschaft des Unterwegsseins. Niemand ruft sie aus, niemand führt Protokoll, niemand gründet einen Verein. Und doch entsteht sie. Ich sitze mit anderen zusammen, teile Brot, Wein, Geschichten, und am nächsten Tag fährt jede und jeder wieder weiter. Genau das macht sie so angenehm: Sie verlangt nichts und trägt trotzdem. In „Abschiede, Grenzen und andere Zufälligkeiten“ wird deutlich, wie sehr mir diese kleine Reisegemeinschaft ans Herz gewachsen war — gerade weil sie so unverbindlich war. Vielleicht funktionieren manche Dinge einfach besser, wenn sie keinen Anspruch auf Dauer erheben.
Aserbaidschan – Die Lücke im Bild
Der Übergang nach Aserbaidschan war komplizierter, als ein Grenzübertritt eigentlich sein sollte („Entering Azerbaijan by land„). Viel Vorbereitung, Unsicherheit, am Ende eine Sondergenehmigung — und trotzdem blieb lange offen, ob ich wirklich würde passieren dürfen. Dass ausgerechnet die Ausreise aus Georgien mehr Diskussion erforderte als die Einreise nach Aserbaidschan, war ein schönes Beispiel dafür, dass Logik an Grenzen nur eingeschränkt zuständig ist. Auch dies steht in „Abschiede, Grenzen und andere Zufälligkeiten“, und ich merke auch jetzt beim Schreiben noch, dass mich der Inhalt dieser Episode mehr beschäftigt hat, als ich damals zugeben wollte.

Das Land selbst blieb für mich schwer zu greifen. Baku erzählt von zwei Zeiten gleichzeitig: Glas und Stahl auf der einen Seite, bröckelnde Vergangenheit auf der anderen. Dazwischen viel Raum für Interpretation und vermutlich auch für Missverständnisse. Ich habe dort vieles gesehen und doch das Gefühl behalten, den wichtigsten Teil nicht ganz erreicht zu haben. Vielleicht war die Zeit zu kurz. Vielleicht war ich selbst zu sehr im Transitmodus. Vielleicht war das Land einfach reservierter, als ich es aus der Türkei gewohnt war. Jedenfalls blieb da eine Leerstelle — und auch das gehört wohl zum Reisen dazu, selbst wenn ich mir an dieser Stelle natürlich lieber eine runde Erkenntnis ausgedacht hätte.
Kasachstan – Maßstab neu einstellen
Kasachstan beginnt bei mir nicht mit einer Grenze, sondern mit einem Gefühl. Und zwar ziemlich abrupt.
Ich komme mit der Fähre an – einem Schiff, das sich irgendwo zwischen „funktional“ und „leicht daneben“ bewegt („Professor Gül – ein schwimmendes Relikt“). Und spätestens mit der Einreise wird klar: Jetzt gelten andere Regeln. Oder vielleicht besser: Jetzt gibt es Regeln, die ich noch nicht verstehe.
Was sich aber sehr schnell erschließt, ist die Dimension dieses Landes. Wasser wird zur Rechengröße, Essen zur Planungseinheit. Spontaneität? Eher begrenzt verfügbar.

Die Mangystau-Region wirkt dabei stellenweise fast übertrieben weit. So, als hätte jemand bei der Erstellung dieser Landschaft kurz gezögert – und dann doch beschlossen, den Regler einfach ganz nach rechts zu schieben („Von Pilgern, Plateaus und Proviant“).
Und dann passiert wieder das Gegenteil.
Ich erreiche einen Ort wie Shopan‑Ata. Steige vom Rad – und werde aufgenommen, als hätte ich mich angekündigt. Essen, ein Platz zum Schlafen, Begegnungen, die sich nicht erklären lassen. Ich erinnere mich noch gut an das Gefühl, dass ich hier eigentlich nicht dazu gehöre. Aber nein – genau so ist das gedacht.
West-Usbekistan – Geradeaus, und zwar ernst gemeint
Nach Kasachstan erwarte ich eigentlich, dass mich nichts mehr überrascht. Das ist ein klassischer Fehler.
Karakalpakstan ist anders. Noch einmal reduzierter. Die Straße geht geradeaus. Und bleibt das auch. Nicht für ein paar Kilometer – sondern „dauerhaft“.
Alle 70 bis 90 Kilometer gibt es eine Möglichkeit, etwas zu kaufen. Dazwischen gibt es vor allem Zeit. Viel Zeit. Und Gespräche mit mir selbst.
Und dann kommt der Wind.
Nicht dramatisch, nicht spektakulär. Kein Sturm, kein Drama. Einfach konstant. So konstant, dass ich irgendwann beginne zu überlegen, ob er überhaupt noch von außen kommt oder einfach Teil meines eigenen Fahrens geworden ist („Gegen den Wind“).

Neun Kilometer in zweieinhalb Stunden sind ein ziemlich guter Moment, um diese Frage zumindest nicht mehr weiter zu vertiefen. Und genau dann passiert etwas, das ich so nicht geplant hatte: Am Horizont taucht ein anderer Radfahrer auf.
Ich weiß noch, wie ich erst dachte, das sei eine optische Täuschung – was in dieser Landschaft eine absolut legitime Überlegung ist. War es aber nicht.
Wir fahren zusammen weiter.
Was nach wenig klingt, verändert alles. Plötzlich gibt es so etwas wie Rhythmus, Abstimmung, leise Kommunikation ohne Worte, Windschatten. Diese Reise funktioniert nicht nur über das, was ich alleine schaffe.
Ein Satz, der hängen bleibt
Irgendwann stehen wir in einem Ort, der – nüchtern betrachtet – aus sehr wenig besteht: zwei Läden, ein Restaurant und ein Geldautomat, der beschlossen hat, heute nicht zu arbeiten. Unsere Situation: kein Geld, zumindest nicht in der richtigen Währung.
Also die Frage: Können wir auch in Tenge (Währung Kasachstans – wir befinden uns aber in Usbekistan) bezahlen?
Die Antwort: „Welcome to Uzbekistan, no money.“
Was dann folgte, ist nicht nur die Lösung eines Problems, sondern ein Abendessen. Salat, Fleisch, Tee – alles da. Ohne Diskussion, ohne irgendeine Form von Gegenleistung.
Wir haben diese Begebenheit bei unseren Treffen mit anderen Radfahrer:innen oft erzählt. Und jedes Mal sind wir wieder ungläubig ob dieses Erlebnisses. Und wahrscheinlich genau deshalb bleibt es hängen.
Der Aralsee – Ein stiller Ort
Der Aralsee war kein Ziel im klassischen Sinn. Eigentlich hatte ich ihn sogar aus der Route gestrichen. Vernunftgründe. Wetter. Strecke.
Und dann stehe ich doch dort, mitgenommen von einem Touristenpärchen im Mietwagen.

Dieser Ort erklärt nichts laut. Er steht einfach da – oder besser gesagt: er steht nicht mehr da. Ein See, der verschwunden ist. Nicht plötzlich, nicht spektakulär. Aber auch nicht langsam genug, als dass jemand ihn rechtzeitig gestoppt hätte.
An diesem Tag kommt noch etwas dazu. Eine Nachricht. Ein Verlust. Dinge, die nichts mit Geografie zu tun haben. Und plötzlich passt dieser Ort sehr viel besser in den Moment, als ich es mir gewünscht hätte.
Ich schaue auf diese Leere – und merke, dass ich gerade nicht nur auf eine Landschaft schaue.
Die Seidenstraße – Verdichtung
Nach all der Weite passiert etwas fast Erleichterndes: Die Dinge werden wieder dichter.
Orte wie Mizdahkan oder Chilpiq sind nicht einfach Sehenswürdigkeiten. Sie sind Schichten. Geschichte, Religion, Alltag – alles gleichzeitig da, ohne sich groß zu erklären.
Und dann Khiva.
Nach Wochen mit Fragmenten wirkt diese Stadt fast unwirklich. Nicht, weil sie besonders spektakulär wäre, sondern weil sie vollständig ist. Zusammenhängend. Verständlich, zumindest ansatzweise.
Ich merke in diesen Tagen, dass die Seidenstraße nicht nur eine Route war. Sie war ein System: „Bewegung und Begegnung“ in einem gewissen Gleichgewicht. Und ihre Oasen waren Machtzentren ganzer Imperien.

Und am Ende
Ein Abend irgendwo in Usbekistan. Ich werde eingeladen. Komme in ein Haus. Es gibt Essen, Tee, Gespräche.
Alles so vertraut wie viele Male zuvor auf dieser Reise. Und dann doch anders. Denn irgendwann erzählt Kamoliddin von seiner Tochter. Ihrer Krankheit. Der Hoffnung, die sie mit einer Behandlung verbinden („Gastfreundschaft als Hoffnungsschimmer“).
Ich erinnere mich, dass ich für einen kurzen Moment nicht wusste, wie ich damit umgehen soll.
Und dann blieb eigentlich nur eine Möglichkeit: zuhören. Die Geschichte mitnehmen. Und weitergeben.
Bis zum heutigen Abend (Stand: 3. Juni 2026) sind bei mir 330 EUR eingegangen. Ich bin im positiven Sinne fassungslos. Danke für Eure Anteilnahme, ich werde das Geld Ende der Woche an den Vater von Umida weiterleiten.
Fazit
Wenn ich jetzt hier sitze und zurückblicke, dann fällt mir vor allem eines auf:
Die Highlights dieser Reise sind erstaunlich unspektakulär.
Nicht Istanbul.
Nicht Baku.
Nicht Khiva.
Es sind die Dinge dazwischen. Und vielleicht ist genau das das Wesentliche dieser Reise.

Für die Statistikfreunde:
5.073 Kilometer, 53 Tage auf dem Rad, drei Platten, 31.000 Höhenmetern und exakt 321 Stunden im Sattel.

